Perlen Kleopatra

Perlen versus Essigsäure (hier werden gleich Perlen für 250.- Euro aufgelöst !)

Hat Kleopatra die Wahrheit gesagt? Kann man Perlen wirklich in Essig auflösen ?
Vor ca. 2000 Jahren soll sich ein Ereignis abgespielt haben, welches heute noch in allen Geschichtsbüchern zu finden ist. Der römische Chronist, Plinius der Ältere, berichtete von einer Wette zwischen der ägyptischen Königin Kleopatra und dem römischen Politiker und Feldherrn Marcus Antonius. Es galt, dem jeweils anderen die exclusivste und kostspieligste Mahlzeit zu "kredenzen". Kleopatra soll daraufhin Ihre größte und kostbarste Perle in "scharfem Essig" aufgelöst und getrunken haben. Es stellt sich nun also die Frage, ob an dieser Legende etwas dran ist. Kann es wirklich sein, dass die Königin vom Nil eine wahrscheinlich millionenteure Naturperle in Essig aufgelöst hat ? Dies wollen wir prüfen und haben daher einen umfangreichen Test vorbereitet.

Perlen auflösen Der ultimative Test : 24 Perlen gegen verschiedene Säuren

Film : "Kleopatratest" (Dauer 1 Minute)


Fakten zur Legende :
Kleopatra lebte zu einer Zeit, in der die Zucht von Perlen noch gar nicht erfunden wurde. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die erste kommerzielle Perlenzucht von einem Japaner, mit Namen Mikimoto, durchgeführt. Wenn Kleopatra also eine große Perle aufgelöst hätte, dann müsste  es sich tatsächlich um eine große Naturperle gehandelt haben. Derartig große Naturperlen sind heute nur noch in Museen zu finden und können daher selbstverständlich für unseren Versuch nicht verwendet werden. Wir haben aber Glück, weil die chemischen Eigenschaften der Naturperlen und der Zuchtperlen identisch sind. Daher können wir problemlos den Versuch auch mit preiswerten Zuchtperlen durchführen. In der Geschichte wird zudem von "scharfem" Essig berichtet. Man kann nur mutmaßen, welche Stärke dieser Essig wohl hatte. Einfacher Essig ließ sich damals wie heute durch Umwandlung von Wein unter Zuhilfenahme von Essigsäurebakterien gewinnen. Der so hergestellte Essig wird wohl im allerhöchsten Fall 5-10% Essigsäure gehabt haben. Essigessenz mit bis zu 25% Essigsäure kannte man damals noch nicht, weil diese nur durch eine aufwändige chemische Synthese hergestellt werden kann. Wir wollen aber Kleopatra ein faire Chance geben und den Versuch in einem 2. Glas mit Essigessenz durchführen. Schlussendlich werden wir in einem 3. Gefäß Salzsäure (eine der stärksten Säuren überhaupt) zu den Perlen geben, um das maximale Ergebnis zu erzielen. Der hier vorgestellte Versuch beruht übrigens auf der Reaktion von einer Säure mit dem Calciumcarbonat der Perle. Es entsteht dabei Calciumacetat (das Salz der Essigsäure) bzw. Calciumchlorid (bei Verwendung der Salzsäure) und Kohlenstoffdioxyd-Gas. Es gab weltweit bisher nur eine handvoll "wissenschaftliche" Versuche zu diesem Thema, welche in der Mehrzahl die Aussage von Kleopatra zumindest für möglich hielten ! Da ich beruflich Chemie gelernt habe und mir der Reaktionsweise sehr bewusst bin, habe ich immer schon den Wahrheitsgehalt dieser Legende angezweifelt. Daher soll mit diesen Versuchen nun endlich Klarheit geschaffen werden.

Wie soll der Versuch durchgeführt werden ?
Wir haben uns entschlossen, den "Kleopatratest" mit allen uns zur Verfügung stehenden Perlenarten durchzuführen. Daher kann nachher auch niemand sagen, dass der Test mit einer anderen Perlenart völlig anders ausgefallen wäre. Wir bitten um Verständnis, dass wir von jeder verwendeten Perlenart nur B/C-Klasse Perlen aussortiert haben. Alles andere wäre uns schlicht zu teuer gewesen ! Der chemischen Reaktion ist es aber gleich, welche Qualität die "Perlen-Probanden" haben. Wichtig ist nur ein schön gewachsener Lüster, welcher quasi den Schutzmantel der Perle darstellt.

Folgende Kandidaten stellen sich nun (unfreiwillig) zum Versuch :

 - 3 Südseeperlen barock weiß
 - 3 Tahitiperlen barock schwarz
 - 3 Südseeperlen barock golden
 - 3 Akoyaperlen barock weiß
 - 3 Muschelkern (unecht) rund weiß
 - 3 Süßwasser Keshiperlen barock weiß
 - 3 Mabeperlen (Halbperlen) Boutton weiß
 - 3 Süßwasserzuchtperlen fast rund weiß

Südseeperlen 3 Suedseeperlen

Tahitiperlen 3 Tahitiperlen

Goldene Südseeperlen 3 goldene Südseeperlen

Akoyaperlen 3 Akoyaperlen

Muschelkernperlen 3 Muschelkernperlen

Keshiperlen Süßwasser 3 Süßwasser Keshiperlen

Mabeperlen 3 Mabeperlen

Süßwasserperlen 3 Süßwasserperlen

Welche Säuren werden für den Versuch verwendet ?
- ca. 50ml Haushaltsessig 5%
- ca. 50ml Essigessenz 25%
- ca. 50ml Salzsäure 24%

Essig und Salzsäure Haushaltsessig, Essigessenz und Salzsäure

Je eine der oben genannten Perlen wird nun in ein Glas gegeben. Wir haben also insgesamt 3 Gläser mit je 8 Perlen. Der Versuch soll nach spätestens 24 Stunden ausgewertet werden. Länger hätte Marcus Antonius sicherlich auch nicht auf seine Kleopatra gewartet. Nun kann der "Kleopatratest" also beginnen :

8 Perlen im Glas 8 Perlen im Glas

Perlen in Haushaltsessig : Es zeigen sich nach einigen Minuten sehr kleine Blasen (Kohlendioyxd) auf den Perlen. In der Perlenbohrung steigen teilweise winzigste Blasen auf. Aufgrund der schwachen Säure ist auch die chemische Reaktion recht schwach. Eine erste Einschätzung sagt mir bereits : Die Perlen werden sich wohl kaum vollständig darin auflösen.

Perlen in Essig 5% Perlen in Haushaltsessig 5%

Film : Perlen in Haushaltsessig 5% (Dauer 1 Minute)

Perlen in Essigessenz : Die chemische Reaktion ist schon intensiver. Es findet eine deutlich stärkere Blasenbildung statt. Die Essigsäure zeigt im Essigessenz schon eine typische Säurereaktion. Meine Einschätzung dazu lautet : Mit viel Zeit kann die Essigessenz evtl. eine Anlösung / Auflösung herbei führen

Perlen in Essigessenz Perlen in Essigessenz 25%

Film : Perlen in Essigessenz 25% (Dauer 1 Minute)

Perlen in Salzsäure : Die chemische Reaktion ist recht stark. An allen Perlen findet man eine sehr starke Perlung von CO2 Gas. Dies entspricht meiner Vermutung, dass die Salzsäure eine Perle wirklich komplett aufzulösen vermag.

Perlen in Salzsäure Perlen in Salzsäure 24%

Film : Perlen in Salzsäure 25% (Dauer 1 Minute)

Nach 24 Stunden Wartezeit können wir nun folgendes Ergebnis festhalten :

Die Perlen im Haushaltsessig sind lediglich oberflächlich angelöst. Der Lüster ist etwas weicher geworden, aber trotzdem noch sehr gut erhalten. Von Auflösung kann also gar keine Rede sein !

Perlen nach 24 Stunden in Essig Perlen nach 24 Std. in Haushaltsessig

Perlen nach 24 Stunden in Essig Perlen nach 24 Std. in Haushaltsessig

Die Perlen in der Essigessenz sind schon deutlich stärker angegriffen. Der Lüster ist ziemlich weich geworden, mit leicht gummiartiger Konsistenz. Von der Mabeperle wurde sogar der "Deckel" abgelöst. Wenn man noch eine Woche warten würde, so würden sich die Perlen vielleicht doch noch auflösen. Fazit aber auch hier : keine Auflösung !

Perlen nach 24 Stunden in Essigessenz Perlen nach 24 Std. in Essigessenz

Perlen nach 24 Stunden in Essigessenz Perlen nach 24 Std. in Essigessenz

Die Perlen in der Salzsäure sind hingegen fast vollständig aufgelöst worden. Lediglich der implantierte Kern und die Hülle der (unechten) Muschelkernperle blieben zurück. Zurück blieb auch noch eine "glibber"-artige Masse. Es handelt sich hier um das organische Material jeder Perle, welches den Kalk chemisch gebunden hat. Salzsäure ist also tatsächlich in der Lage, eine Perle aufzulösen. Trinken darf man dieses "Gebräu" jedoch auf keinen Fall.

Perlen nach 24 Stunden in Salzsäure Perlen nach 24 Std. in Salzsäure

Perlen nach 24 Stunden in Salzsäure Perlen nach 24 Std. in Salzsäure

Fazit : Kleopatra (oder der Chronist Plinius) haben "geschummelt" ! Die aufgelöste Naturperle hat es so nie gegeben !
Es ist mit normalem Haushaltsessig unmöglich, eine große Naturperle (bzw. eine Zuchtperle) innerhalb von 24 Stunden aufzulösen. Selbst Essigessenz ist dazu nicht in der Lage. Lediglich Salzsäure, eine der stärksten Säuren überhaupt, vermag Perlen aufzulösen. Dieses "Gebräu" kann dann aber niemand mehr konsumieren, da die noch vorhandene Rest-Säure schwerste Verätzungen verursachen würde. In der Geschichtsschreibung ist auch immer von Essig die Rede. Dieser ist aber definitiv nicht in der Lage, eine Perle innerhalb von 24 Stunden aufzulösen. Eine vollständige Auflösung im Essig ist so jedenfalls nicht möglich.

In der Version von Plinius dem Älteren, wird auch nicht von einer gemahlenen/ zerriebenen Perle oder Hitze oder sonstigen Zusätzen gesprochen. Die Originalzeile bei Plinius lautet nämlich : "mersit ac liquefactum absorbuit". Übersetzt heisst es also : "ließ sie in die Flüssigkeit fallen und trank sie aufgelöst". Sicherlich würde eine vollständig im Mörser zermahlene Perle schneller vom Haushaltsessig angegriffen. Wenn man dann noch Wärme einbringt, so würde diese Reaktion auch noch schneller ablaufen. Dies sind aber alles nur Vermutungen, über die wir nichts wissen. Hier geht es jedoch um eine riesengroße Naturperle, welche sich im Originalzustand definitiv nicht in Haushaltsessig auflösen lässt. Wenn wir uns also an die Vorgaben des Chronisten halten, so steht eindeutig fest : Dies kann so nicht funktioniert haben !

Die sogenannten "Wissenschaftler", welche diesen Test bereits durchgeführt haben und aus Kostengründen gemahlenem Muschelkalk verwendet haben (wollen), sollten kritisch hinterfragt werden. Muschelkalk ist übrigens auch kein würdiger Ersatz für eine echte Perle oder Zuchtperle ! Gemahlener Muschelkalk reagiert immer viel intensiver (wegen der starken Oberflächenvergrößerung) mit einer Säure, als eine kompakte und in vielen Jahren/ Jahrzehnten gewachsene Perle. Gemahlener oder zerstoßener Muschelkalk löst sich tatsächlich langsam in verdünntem Essig auf. Deswegen kann man dieses chemische Verhalten aber noch lange nicht auf langsam gewachsene Perlen übertragen. Eine Perle hat einen fast undurchdringlichen Mantel aus Aragonitkristallen. Diese Kristalle sind derartig stabil und fest angeordnet, dass Essigsäure sehr gut "abgeblockt" wird. Eine hochwertige Perle besitzt somit einen fast undurchdringlichen Panzer, welcher schwachen Säuren (wie dem Essig) leicht widerstehen kann.

Es wird sich bei dieser Legende also eher um eine Metapher handeln, bei der zum Ausdruck gebracht werden soll, welche Dekadenz Kleopatra besaß, bzw. welches Vermögen sie bereit war einzusetzen. Falls diese Wette also wirklich stattgefunden hat, so ist davon auszugehen, dass Kleopatra die Perle vorher in "Taschenspielermanier" aus dem Essig entnommen hat, um dieses "Getränk" dann werbewirksam vor Marcus Antonius zu konsumieren. Alternativ dazu wäre auch denkbar, dass Kleopatra die Perle absichtlich verschluckt hat, in der Hoffnung, diese auf natürlichem Wege wieder zu sehen.